Zwischen Kitsch und Kampf, Heimat und Hingabe.
Musikerin und nun Autorin: Yasmin El-Amin erzählt in ihrem Debütroman vom Aufwachsen in Hildesheim und vom Kampf der irakischen Frauen um Anerkennung und Freiheit.
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Yasmin El-Amins Debütroman 4186 Kilometer Heimat oszilliert zwischen Biografie und Roman und wie bereits am Titel erkennbar werden könnte, geht es dabei mitunter äußerst kitschig zu. Der Text erzählt in der Ich-Perspektive vom Aufwachsen eines jungen Mädchens in einer mittelgroßen deutschen Stadt mit der vollen Langweiligkeit, welche auch literarisch langweilig ist. Immer wieder wird diese Handlung durch Kapitel unterbrochen, in welchen episodenhaft Alltagsszenen von Frauen aus dem Irak geschildert werden, hier bekommt der Text plötzlich eine Tiefe und verlässt das sepia gefärbte Kleinbürgeridyll mit dessen dazugehörigen Grausamkeiten.
Es war einmal im Jahr 2006 in Hildesheim-Himmelsthür, als die damals noch 16-jährige Yasmin El-Amin ein Video von sich auf der noch jungen Plattform YouTube veröffentlichte. Kurze Zeit später avancierte die Tochter eines irakischen Arztes und einer Lehrerin damit zu einer Vorbotin dessen, was die Kraft der Viralität ausrichten kann. In ihrem Video mit dem Titel „Die Welt ist rund“ singt El-Amin ein eigentlich harmloses Lied, in welchem sie auf das Leid des Irak-Kriegs aufmerksam macht. Aufsehen darum kam unter anderem daher zustande, weil zeitgleich in Deutschland die Fußball-Weltmeisterschaft ausgetragen wurde und in zeitlicher Nähe des Uploads die DFB-Elf im Halbfinale gegen die italienische Mannschaft baden ging. Die Frustration über das jähe Ende des „Sommermärchens“ schlug sich ihre Bahnen in den Kommentaren unter dem Video der 16-Jährigen, die es wagte, in ihrem Lied deutsche Fußballbegeisterung zurückhaltend zu kritisieren. Aus einer heutigen Perspektive kann man durchaus von einem Shitstorm reden, zumal genau dieser Begriff damals fehlte.
Durch oder wegen des Tumultes um ihr Lied wurde sie kurz danach vom Indie-Label „Petermann-Records“ unter Vertrag genommen. Sie nahm dort zwei Alben auf, welche sich durchaus hören lassen konnten, ehe es nach ihrem misslungenen dritten Album still um sie wurde. Ein Grund dafür könnte der bereits damals verwirrende Wechsel von seicht-alternativen Klavierklängen zu stumpfen EDM-Beats gewesen sein. Dies ist nun 10 Jahre her, seitdem war es still um sie.
4186 Kilometer Heimat liest sich auf den ersten Blick als ein Lehrstück in Sachen Intersektionalität. Im Verlauf des Textes wird die namenlose Erzählerin und Protagonistin immer wieder mehrfach diskriminiert, etwa wegen ihres Alters oder wegen des ökonomischen Hintergrundes ihrer Eltern, ganz im Sinne von Kimberlé Crenshaws Definition von Intersektionalität. Dies wirkt im Text oft sehr plakativ und ist über weite Teile der Handlungsebene eigentlich auch egal, weil es meistens keinerlei Auswirkungen auf eine der Figuren oder die Erzählung hat.
Gerade durch die Schilderung von Diskriminierungserfahrungen und das Aufwachsen in der deutschen Provinz als nicht-biodeutsche schließt der Text an zeitgenössische Diskurse an, jedoch wäre es verfehlt, ihn nur darauf zu reduzieren. Zwar fühlt sich die Coming-of-Age- Geschichte so an, als hätte man sie schon vielfach gelesen, einige Male davon auch besser. Insbesondere dann, wenn klischeehafte Jugendszenen durchexerziert werden, wie etwa Kindergeburtstage, an denen sich die Eltern der Protagonistin streiten, Besuche am Badesee mit dem heimlichen Schwarm und peinlich berührende Erlebnisse auf Dorfpartys. Viel Bekanntes und wenig Neues. Alles so und so ähnlich schon bereits bei Herrendorf, Stuckard-Barre, Bronsky und Wells gelesen.
Dann springt die Erzählung plötzlich in den Irak und begleitet dort ein Ensemble von mehrheitlich weiblichen Figuren dabei wie diese, versuchen in ihrem Alltag und ihrem Leben überhaupt kleinsten Formen der Selbstbestimmung zu erlangen. Mittels dieser Gegenüberstellung wird erfahrbar, wie unterschiedlich emanzipatorische Bestrebungen geartet sein können. Außerdem scheint in diesen Szenen das literarische Können von Al-Amin durch. Anders als die teilweise klischeehaft melancholisch-rosigen Jugenddarstellungen aus der deutschen Provinz sind die Szenen im Irak glanzlos und von intensiver Dringlichkeit.
Durch die erzählerischen Brüche gewinnt der Text einen starken Irritationsmoment besonders dann, wenn statt einer adoleszenten, relativ behüteten jungen Frau plötzlich ein gesellschaftliches Gegenbild konstruiert wird. Der Bruch innerhalb der Erzählstruktur führt nicht dazu, dass die gesellschaftlichen Diskriminierungsmechanismen, von denen die Figuren in Deutschland betroffen sind, bagatellisiert werden, sondern verdeutlicht, wie wenig diese analog zu ihren Pendants in anderen Gesellschaften sind.
Dieser interventionistische Gestus ist für El-Amin in dieser Deutlichkeit neu. Zwar avancierte ihr damaliger Durchbruchsong zu einem Politikum, aber doch schien dies damals dem Zufall bzw. dem jungen Algorithmus von YouTube zu obliegen. „Die Welt ist rund“ war ein Lied, in welchem in kindlich naiver Weise auf die Grausamkeit von Krieg hingewiesen wurde, der Rest ihrer Diskografie war dann gänzlich apolitisch. Die naiv jugendliche politische Haltung von El- Amin scheint sich in den Passagen der namenlosen Erzählerin der deutschen Provinz widerzuspiegeln und dann unterbrochen zu werden von einer neuen, erwachsenen und ernsten politischen Haltung, vermittelt durch das irakische Figurennetz.
Die Hinwendung zu politischen Inhalten in einem neuen Ausdrucksmedium kann irritierend wirken scheint, aber hier von einem ernsten Anliegen begleitet zu sein. Ob El-Amin nun nach dem Ende ihrer Musikkarriere auf einen ähnlich plötzlichen Ausbruch von Aufmerksamkeit hoffte, scheint eher unwahrscheinlich. Denn wenn auch die Textstellen eindringlich und intensiv sind, so ist der politische Appell dahinter subtiler.
Keine der Figuren im Irak drischt Phrasen und ihre Intentionen sind nicht immer ganz klar. Somit wirken, sie oftmals ambivalent und aus einer westlichen Perspektive scheinen ihre politischen Bemühungen zu schüchtern. Dennoch nehmen sie drakonische Strafen auf sich und gefährden ihre Familien und Freunde. Und auch wenn diese Bemühungen derzeit relativ präsent in den Medien sind, bleiben die einzelnen Akteur:innen meist unbekannt dies ändert El-Amins Text auf eine ehrliche und nahbare Weise.
Ein Teil dieser Intensität ist dem Umstand geschuldet, dass El-Amin hierfür Gespräche mit Frauen aus dem Irak führte, welche sich vor Ort für Gleichstellung eingesetzt haben oder dies noch aktiv tun ihre Erfahrungen und Erinnerungen dienten offensichtlich als Vorlage. So ist bekannt, dass El-Amin in mehreren Vereinen zur Unterstützung von Frauen und emanzipatorischen Bewegungen im Irak aktiv ist. Es ist daher davon auszugehen, dass jenes Bild der Kämpfe ein authentisches ist.
El-Amins eigenes politisches Engagement trat besonders hervor, als sie kürzlich eine ihrer Lesungen im Bückeburger Palais am 14.04. kurzerhand dazu nutze, um einer jungen Aktivistin aus dem Irak eine Bühne zu bieten. So betrat El-Amin zwar die Bühne und bedankte sich beim Publikum, ehe sie prompt ankündigte, dass sie auf eine Lesung verzichten werde und stattdessen eine junge Frau zu Wort kommen lassen wolle.
Über eine Zoom-Konferenz wurde dann eine Aktivistin aus einem Vorort Bagdads zugeschaltet, welche sich in mehreren feministischen Initiativen engagiert. Sie berichtete ausführlich von der aktuellen Situation im Irak, während ein Dolmetscher für das Publikum übersetzte. Hierbei wurde auch auf die Proteste im Iran aufmerksam gemacht, welche aktuell eine größere mediale Aufmerksamkeit erfahren. Das Publikum wusste zunächst nicht, wie ihm geschah und es ließ sich aber auch kein Widerspruch oder Protest zum Ausfall der Lesung feststellen.
Diese Intervention verhallte dennoch ohne ein wahrnehmbares mediales Echo. Dennoch kann dieser Aktion ihre Symbolik zugutegehalten werden. Vielleicht ist dies dem Umstand geschuldet, dass derzeit regelmäßig Berichte über Proteste im Iran in den deutschen Medien veröffentlicht werden oder aber wegen anderer Geschehnisse. Ob El-Amin damit auf einen ähnlichen Effekt hoffte wie damals als ihr Debüt-Song erschien oder nicht sei dahingestellt. Letztendlich war diese Performance eine politische Aktion und der eigentlich sich mit tatsächlichen konkreten politischen Inhalten zurückhaltende Text, wurde so in einen klaren politischen Kontext eingerahmt.
Wenn auch das deutliche politische Engagement von El-Amin unter deutschsprachigen Autoren in dieser Direktheit eine Ausnahme zu sein scheint, bleibt ihr Schreiben insgesamt etwas auf der Strecke. In ihrem Debüt wirkt die Coming-of-Age Geschichte an vielen Stellen sehr gekünstelt und mitunter stark plakativ, während die Passagen, welche im Irak spielen eindringlich sind. Dieser Kontrast kann als ein gewolltes Stilmittel verstanden werden, oder simpler als eine Schwäche des Textes. Ein ähnlicher Kontrast lag ja bereits in ihrem Durchbruchssong, welcher gerade deshalb viel diskutiert wurde. Ob nun das eine oder das andere, insgesamt kann ihr Debüt trotz der stilistischen Schwächen als gelungen gelten.
Anders als in ihrer Musik nimmt El-Amin eine politische Haltung ein und distanziert sich von ihrer früheren künstlerischen Leichtigkeit. Wenn auch die Passagen aus der deutschen Provinz an ihre frühen Songtexte und ihre eigene Biografie erinnern mögen, schlägt sie mit 4186 Kilometer Heimat neue Töne an. El-Amin scheint in den Jahren ihrer medialen Abwesenheit erwachsen geworden zu sein.
Gerade durch das Zusammenspiel beider erzählerischen Strukturen ergibt sich ein interessantes und eindringliches Leseerlebnis gegen die politische Ohnmacht und für die Hoffnung auf Veränderung, wenn man den gegenüber einem gewissen Grad an Kitsch und Langeweile resistent ist. Es bleibt abzuwarten, ob sich El-Amin weiter politisiert oder aber es sich in der literarischen Austauschbarkeit bequem macht, weil: Alles kann sie nicht.
Das Portrait entstammt der Seminararbeit von Finn Makolla.