Hallo und herzlich willkommen zu einer neuen Folge „Tarte Fatale“, dem Podcast, in dem ich meine Gäste mit Tartes so verzaubere, dass selbst meine prominentesten Gäste ihre geheimsten Geheimnisse offenbaren. Ich freue mich sehr auf meinen heutigen Gast. Sie wurde als Jugendliche mit ihrem Hit „Die Welt ist rund“ berühmt, ist Pop-Musikerin und hat nun ein Buch geschrieben. Yasmin, schön dass du da bist!

Hallo Vera, ich freue mich, dass ich da sein darf, vielen Dank!

Yasmin, wir kennen uns ja noch gar nicht so lange, wir haben uns auf der Lesung in Bückeburg kennengelernt, wo du auch ein bisschen aus deinem Buch vorgelesen hast, was ich so spannend fand, dass ich mir das Buch direkt gekauft habe. Magst du uns erzählen, was es mit dem Titel 4186 Kilometer Heimat auf sich hat?

Das ist relativ schnell beantwortet, die Kilometeranzahl ist die Entfernung zwischen Hildesheim und Bagdad, wo mein Vater herkommt. Ich fand dich übrigens von Anfang an sehr sympathisch und hab mich sehr über die Einladung zum Podcast gefreut!

Ach wie lieb, ja ich wollte unbedingt eine Folge mit dir machen, du hast so einen interessanten Lebenslauf. Dein Vater kommt aus Bagdad, deine Mutter aus Hildesheim, und die beiden haben sich hier in Deutschland in Hannover kennengelernt, was an sich ja schon ein wahnsinniger Zufall ist und vor allem wahnsinnig romantisch. War das bei deinen Eltern Liebe auf den ersten Blick?

Auf jeden Fall, die beiden haben sich gesehen und es war um die beiden geschehen, die Geschichte habe ich mir als Kind bestimmt hundert Mal anhören müssen. (lacht)

Das kann ich mir vorstellen, wie ist es bei dir, bist du im Moment vergeben? Hast du deine große Liebe gefunden?

Nein, ich bin im Moment ganz glücklich alleine.

Darf ich da nachfragen? War der Richtige noch nicht dabei?

Ehrlich gesagt war ich bisher in sehr toxischen Beziehungen, die mir nicht gutgetan haben und ich möchte mich jetzt erstmal auf mich selbst konzentrieren. Als ich in Berlin gewohnt habe, hatte ich eine sehr schlechte Beziehung mit einem Frontsänger einer Band, die ich jetzt mal nicht nenne. Dann sind noch ein paar andere Dinge passiert und eine Beziehung ist für mich einfach in den Hintergrund gerückt. Selflove ist ja auch eine Liebe, die man braucht.

Natürlich, klar. Selflove ist sowieso das Wichtigste, da geb ich dir total recht. Ich persönlich lese sehr gerne, in meiner Me-Time, das ist für mich einfach meine Zeit, in der ich Selflove praktiziere und ich habe neulich dein Buch gelesen. Ich muss sagen, ich konnte es erstens nicht mehr aus der Hand legen und zweitens konnte ich nicht mehr aufhören zu weinen, ich fand es so dermaßen bewegend, wie du sowohl deine Lebensgeschichte erzählst als auch Schicksale verschiedener irakischer Frauen. Wie ging es dir dabei, das Buch zu schreiben, was hat dich inspiriert?

Wow, vielen Dank für dieses schöne Kompliment. Ich finde es immer total verrückt, zu hören, wie Menschen mein Buch bewegt, also dass meine eigenen Worte solche Gefühle auslösen können. Für mich war es eine großartige Erfahrung das Buch zu schreiben. Fast therapeutisch, denn ich habe darin ja sowohl eigene Erfahrungen als auch Geschichten von anderen Frauen, die ich wahnsinnig wichtig fand, darin aufgeschrieben. Es war eine Mischung aus Selbstverwirklichung und Aufmerksamkeit auf die Situation von Frauen im Irak lenken und ich glaube daraus ist eben 4186 Kilometer Heimat entstanden.

Erzähl doch mal, wie du auf die Geschichten der Frauen gekommen bist, bist du in den Irak gereist und hast dort Frauen interviewt? Wie kamst du auf die Idee?

In den Irak musste ich gar nicht. Ich engagiere mich sehr für den Hawar Verein, der sitzt in Berlin und setzt sich seit dem Völkermord an den Jesiden im Irak sehr für die Menschenrechte im Irak ein und hilft vor allem geflüchteten Frauen und Frauen vor Ort. Und was diese Frauen erzählen, habe ich in Teilen niedergeschrieben. Das sind wirklich bewegende Geschichten, die einfach ein Recht darauf haben, geteilt zu werden, das ist jedenfalls meine Meinung.

Wow, was für eine tolle Organisation und wie toll, dass du dich da so engagierst, ich finde das absolut bewundernswert. Viele Themen, die du in deinem Buch thematisierst, wie die Problematik, dass der Cousin deiner Protagonistin offen homosexuell lebt, sich aber gleichzeitig dafür ausspricht, dass sie bald einen guten Mann heiratet und in diesem Kontext auch eine Zwangsheirat erwähnt, sind wahnsinnig wichtig und machen auf das Ungleichgewicht zwischen den Rechten von Männern und Frauen aufmerksam macht.

Genauso ist es. Und solange diese Ungerechtigkeit und Doppelmoral tatsächlich besteht, muss man diese Geschichten, die ja auf tatsächlichen Erfahrungen von Frauen beruhen, erzählen.

Yasmin, toll, dass du dir das zur Aufgabe gemacht hast, ich finde es toll, wie unerschrocken du an solch schwierige Themen herangehst. Ich möchte dich auf die Kapitel ansprechen, die autobiographischer Natur sind. Du nimmst uns, als Leser mit in deine Kindheit, in deine Teenagerjahre, erzählst uns von deinen Freundinnen und auch von deinem Aufenthalt in einer Tagesklinik. Dazwischen fehlt ein ganzer Teil deiner Lebensgeschichte, magst du darüber etwas erzählen?

Puh, ich habe noch nie über diese Zeit geredet, das fällt mir sehr schwer.

Würdest du uns denn erzählen, was in der Zeit passiert ist, dass du mit deiner Musik aufgehört hast, man lange nichts von dir gehört hat und du jetzt mit einem Buch wieder da bist und damit Erfolg hast?

Mit der Musik war es damals so eine Sache. Ich habe ja wirklich in meinem Kinderzimmer angefangen, Musik zu machen und auch selber Texte zu schreiben und niemals damit gerechnet, dass ich mal mit Musik mein Geld verdienen würde. Als ich „Die Welt ist rund“ hochgeladen habe, war ich einfach nur wütend, eine Art Trotzreaktion auf diesen ganzen WM- Hype, während im Irak die Hölle los ist, Menschenrechte mit Füßen getreten werden und wir hier in Deutschland nichts besseres zu tun haben, als uns um die WM zu kümmern. Dass das so groß werden würde, hätte ich nicht gedacht.

Und dann? Du warst doch dann bei einem kleinen Indie-Label, oder?

Genau, ich habe dann bei Petermann Records unterschrieben. Mir hat die Musik total Spaß gemacht, hatte mit dem zweiten Album ja auch ganz guten Erfolg. Das hat sich schlagartig geändert, als der Major kam. Ich habe mich vom neuen Label sehr beeinflussen lassen, alles sollte tanzbarer und massentauglicher werden, ich war dadurch total verunsichert und das haben die Leute auch gemerkt, weil das Album ein absoluter Flop war. Danach haben sie mich fallen lassen.

Das war alles in Berlin oder, da hast du ja auch eine zeitlang gewohnt und warst mit Julez zusammen. Wie ging es dann weiter?

Ich wusste irgendwie, dass ich um Julez hier heute nicht herum komme. (lacht)

Ach, ich bin doch so neugierig, du kennst mich doch.

Nur, wenn ich jetzt mal ein Stück von dieser Apfeltarte bekomme, die hier schon die ganze Zeit steht. (Lacht weiter)

Natürlich, natürlich! Hier, ich tu dir ein Stück auf.

Wow, die ist wirklich köstlich! Vera, du solltest ne’ Bäckerei aufmachen.

Das wird mein zweites Standbein im Alter, wenn mich keiner mehr hören will. (lacht hysterisch) So, nun muss ich aber nochmal einhaken, wie war denn das mit Julez?

Ja, Julez und ich haben uns beim Major kennengelernt und uns auf Anhieb ziemlich gut verstanden. Ich hatte bis dahin noch nicht wirklich eine ernsthafte Beziehung und habe mich ehrlich gesagt sofort in seine Art verliebt und dachte auch, dass ich durch ihn endlich so richtig in Berlin ankommen würde, weil ich mit Berlin immer die Arbeit verbunden habe, dort aber weder meine Eltern hatte, noch meine guten Freundinnen, die waren in Hamburg.

Das klingt aber sehr romantisch, das Pop-Sternchen und der Bad Boy.

Das haben sich die vom Major auch gedacht, da waren schon Features geplant. Allerdings war das ganze nicht ganz so romantisch. Julez war immer von irgendwelchen Frauen umringt, egal ob Fans oder Mädels aus der Szene. Damit hatte ich irgendwann ein Problem, als ich rausgefunden habe, dass er mich immer wieder betrogen hat. So richtig losgekommen bin ich aber einfach nicht von ihm, er war halt meine erste große Liebe.

Wow, also so richtig toxisches Verhalten. Hat er dir da immer sonst was erzählt, dass du wieder zurückkommst?

So ungefähr. Jedes Mal wenn ich wieder eine Nachricht gesehen habe, oder er ein Date abgesagt hat, weil er angeblich im Studio war, oder mir Frauen selbst geschrieben haben, dass sie mit ihm was gehabt hätten und ich ihn damit konfrontiert habe, hat er sich rausgewunden, mir das Blaue vom Himmel versprochen und ich war einfach dumm und habe ihm immer wieder verziehen.

Wow, immer wieder verziehen, selbst als dir die Frauen, mit denen er etwas am Laufen hatte, geschrieben haben? Du hattest die Beweise ja schwarz auf weiß! (empört)

Ja, ich weiß, dass das schwer vorstellbar für andere ist. Ich fürchte auch, dass mein Drogenkonsum, den ich ebenfalls durch Julez angefangen habe, mein Denkvermögen stark beeinträchtigt haben.

Eieieiei, was hast du denn genommen, damals?

Eigentlich alles. Marihuana und Kokain waren damals Standard, richtig abhängig war ich damals von Benzos, also Schlaf- und Beruhigungsmittel.

Die hast du noch in Berlin genommen, während du beim Label warst?

Nein, also... (Pause) Die habe ich vom Arzt verschrieben bekommen.

Was war das denn für ein Arzt?? Die hat er dir einfach so verschrieben?

Nein, auf keinen Fall einfach so. Ich hatte schwere Insomnie und Angststörungen nach dem Tod meines Vaters.

Dass dein Vater gestorben ist, ist eine Sache, die du nicht unbedingt in die Welt hinaus posaunt hast. Du hast ihm aber dein Buch gewidmet, oder?

Ja, das habe ich und das war mir auch sehr wichtig. Er hat mich über seinen Tod hinaus inspiriert, er war es, der mich mit ins Migrationszentrum genommen hat, mir gezeigt hat, wie wichtig es ist, sich für Dinge einzusetzen, die einem am Herzen liegen. (Pause) Ich spreche nicht gerne über seinen Tod, weil ich mich bis heute ein Stück weit dafür verantwortlich fühle.

Du fühlst dich für den Tod deines Vaters verantwortlich? Wie kann das sein, das war doch ein Unfall.

Ja, es war ein Unfall, ein betrunkener Autofahrer hat ihn einfach überfahren.

Oh je, Yasmin, das tut mir unendlich leid, aber da kann doch niemand etwas für, außer der Autofahrer, der einfach unverantwortlich gehandelt hat und dafür sein Leben lang mit dieser Schuld existieren muss.

Danke für deine lieben Worte. Natürlich, da hast du vollkommen Recht, ich habe auch sehr viel in der Therapie darüber gesprochen. Wir hatten damals einen Hund, Sammy. Ich war bei meinen Eltern in Hildesheim zu Besuch, das Label hatte gerade meinen Vertag annulliert, „Comfort-Zone“ ist gefloppt, meine Beziehung war toxisch ohne Ende und ich habe fast täglich Gras geraucht. In der Zeit hatte ich niemanden in Berlin, deshalb bin ich nach Hildesheim zu meinen Eltern gefahren. Mein Vater hat an dem Abend, an dem es passiert ist, mein irakisches Lieblingsgericht zubereitet. Das ist ein Ofengericht. Und als er es in den Ofen geschoben hat, hat er mich gefragt, ob ich einmal die Abendrunde mit Sammy gehen könnte.

Was war Sammy denn für ein Hund?

Ein Labrador. Schokobraun und viel zu dick, er war verfressen ohne Ende.

Wie süß! Ich liebe Hunde ja. Was ist denn dann passiert, bist du mit Sammy dann raus gegangen?

Nein. (seufzt tief) Mein Vater ist gegangen. Auf dieser kurzen Runde hat ihn der Autofahrer erfasst.

Ach Yasmin... das tut mir wahnsinnig leid. Aber es hätte doch jeden erwischen können, es war einfach ein schrecklicher Unfall!

Es war ein Unfall, ja. Aber ich bin bis heute der Meinung, dass ich seinen Tod hätte verhindern können, wenn ich mit Sammy gegangen wäre und mich nicht geweigert hätte, weil ich gerade mal wieder high war und keinen Bock hatte. Nach diesem Vorfall bin ich dann so richtig abgestürzt. Zehn Tage war ich stationär in einer Klinik, danach war ich sechs Monate in einer Tagesklinik. Dort habe ich viel mit einer Therapeutin gearbeitet und habe dort auch meine Drogensucht in den Griff bekommen.

Wow, Yasmin, diese Stärke muss man erstmal haben, ich bin gerade ganz sprachlos über deine Stärke, deine Willenskraft dich aus dieser schweren Situation wieder herauszuarbeiten.

Vielen Dank, ich weiß das sehr zu schätzen. Ohne die Hilfe meiner Mutter und der Therapeutin in der Tagesklinik hätte ich das auch nicht geschafft. Ich bin den beiden sehr sehr dankbar.

Was für eine Liebeserklärung an deine Mama und auch an deine Therapeutin, das ist wirklich schön, dass du das so sagst. Wie ging es denn bei dir nach deinem Aufenthalt in der Klinik weiter?

Ich bin nach Hamburg gezogen. Weg aus Hildesheim, weg aus Berlin. Ich wollte einen Neustart, etwas Neues beginnen, weg von allem, wo ich negative Erfahrungen gemacht habe. Außerdem war in Hamburg meine Freundin Seray, von der schreibe ich ja auch im Buch. Sie hat mir den Einstieg in Hamburg sehr einfach gemacht, wir haben zusammen nach einer Wohnung gesucht, bis ich eine hatte, durfte ich bei ihr wohnen.

Mensch, was für eine tolle Freundin, ich kann mir vorstellen, dass dich das erleichtert hat. Du hast ja dann auch noch angefangen zu studieren, oder?

Richtig. Ich wollte dann etwas machen, was nichts mit Musik zu tun hatte und habe mich für Ethnologie und Kunstgeschichte entschieden.

Toll, Yasmin, ich bin wirklich beeindruckt, wie du dich nach diesen Schicksalsschlägen zurück ins Leben gekämpft hast. Und aus allem Schlechten ist etwas Gutes herausgekommen, dein Buch, was Menschen bewegt und zum Nachdenken anregt.

Das war mir sehr wichtig. Ich wollte ein Buch schreiben, was wirklich etwas aussagt, über ein Thema schreiben, das mir am Herzen liegt und dieses mit meinen Erfahrungen verweben. Ich bin sehr froh, dass mir das geglückt ist.

Geglückt ist es dir definitiv. Ich danke dir für deine Offenheit, deine Ehrlichkeit und deinen Mut, aber auch für dein Vertrauen, das du mir heute entgegengebracht hast, denn über den Tod des eigenen Vaters zu reden ist sicherlich nicht einfach.

Ich muss sagen, dass ich etwas von mir selbst überrascht bin. Ich habe wirklich noch nie öffentlich darüber gesprochen. Aber heute hat es sich irgendwie richtig angefühlt, fast wie eine Last, die heute von mir abgefallen ist. Danke dir dafür, Vera!

Gerne Yasmin, es war mir eine Ehre. Ich glaube, dass die Apfeltarte zu deiner Offenheit beigetragen hat. (beide lachen) Vielen Dank und bis hoffentlich ganz bald!

Bis bald Vera, tschüss!

Ich packe euch, liebe Zuhörer, den Link zum Hawar Verein in die Shownotes. Ich verabschiede mich bis zum nächsten Mal, wenn es wieder heißt: Tarte Fatale.

Podcast und Interview entstammen der Seminararbeit von Maja Lena Schellhammer.