Also distanzierst du dich heute von deiner Zeit als Musikerin?
Nein, das überhaupt nicht. Y/amin wird immer ein Teil von mir sein, also diese ganze Experience natürlich. Ich möchte aber auch nicht darauf reduziert werden.
Du bist lange von der Bildfläche verschwunden. Was ist in den letzten zehn Jahren passiert?
Puh, wo fange ich da an? Zehn Jahre sind eine lange Zeit, ich habe viel erlebt. In den letzten Jahren habe ich vor allem studiert, Ethnologie und Kunstgeschichte. Jetzt bin ich eine richtige Akademikerin. (lacht)
Und du hast ein Buch geschrieben. Wie kam es dazu?
So ganz genau kann ich das gar nicht sagen. Ich glaube, das Studium hat mich dazu inspiriert, mich mehr mit meiner eigenen Geschichte und mit meiner Herkunft auseinanderzusetzen. Da ist vieles wieder hochgekommen, was ich irgendwie verarbeiten musste. Irgendwann habe ich einfach den Laptop aufgeklappt und angefangen zu schreiben.
In deinem Buch erzählst du von eigenen Erlebnissen, befasst dich aber auch mit der aktuellen Lebensrealität der Frauen im Irak. Wie hängt beides zusammen?
Vor allem durch meinen Vater. Er ist in den Siebzigern aus dem Irak nach Deutschland gekommen. Ich bin zwar hier geboren, aber durch ihn habe ich viel von der irakischen Kultur mitbekommen und mir ist die Herkunft meiner Familie sehr wichtig. Heute ist mir aber auch klar, wie anders mein Leben wäre, wenn ich dort aufgewachsen wäre. In meinem Buch zeige ich diese verschiedenen Lebenswelten auf. Einerseits die Unterdrückung der Frauen im Irak, auf der anderen Seite aber auch den alltäglichen Rassismus in der Diaspora.
Das Buch wechselt kapitelweise zwischen deinen eigenen Erlebnissen und den Geschichten einiger irakischer Frauen. Woher kam die Inspiration für diese Storys?
Größtenteils aus dem real life. Durch meine Arbeit bei dem Verein Hilferuf! hatte ich sehr viel Kontakt zu jungen Frauen, die aus dem Irak geflüchtet sind und mir ihre Geschichten erzählt haben. Da waren so krasse Storys dabei, die haben mich gar nicht mehr losgelassen. Vieles davon habe ich beim Schreiben einfließen lassen. Natürlich ist manches in dem Buch auch Fiktion, einige der Figuren gibt es so nicht. Aber der Roman ist trotzdem sehr nah dran an der Realität. Vieles ist auch biographisch und da wollte ich nichts beschönigen.
Du schilderst beispielsweise, wie häufig du für eine Muslimin gehalten wirst.
Ja, das passiert wirklich ständig. Die Leute sehen mich und gehen automatisch davon aus, dass ich dem Islam angehöre. Das würde mich sogar nerven, wenn ich wirklich Muslimin wäre. Selbst Leute, mit denen ich öfters zu tun habe, sind teilweise total überrascht, wenn sie dann erfahren, dass ich katholisch bin. Neulich zum Beispiel die Leiterin einer Buchhandlung, als ich da eine Lesung gehalten habe, ich sag jetzt nicht wo. Die hat mein Buch wohl gar nicht gelesen.
Uff.
Ich stimme zu.
Es ist also auch ein politisches Buch?
Das kann man schon so sagen. Und ein feministisches. Aber Feminismus ist ja sowieso immer auch was Politisches.
Bekannt geworden bist du nicht als Autorin, sondern als Musikerin. Wie war es für dich, jetzt ein Buch zu schreiben?
Am Anfang schwierig. Das Format ist anders, man erzählt mit viel mehr Worten. Und es hat viel länger gedauert, bis ich mal jemand anderem zeigen konnte, was ich da fabriziere. Wenn ich früher einen Song geschrieben habe, konnte ich den am gleichen Tag noch meinem Produzenten oder meinen Freunden mit Klavier oder Gitarre vorspielen. Beim Schreiben war das für mich anders, ich war eine gefühlte Ewigkeit allein mit meinen ersten Kapiteln und hatte total Schiss, die jemandem zu zeigen. Zum Glück ist später meine Lektorin dazugekommen und hat mir diese Angst genommen.
Du bist jetzt veröffentlichte Autorin. Wars das mit der Bühne?
Ne, ich stehe immer noch auf ziemlich vielen Bühnen, viel öfter als ich das selbst erwartet habe. Zum Autorenleben gehören ja auch Lesungen, momentan bin ich deswegen eigentlich die ganze Zeit unterwegs. Aber das kenne ich ja schon von früher, wenn ich auf Tour war.
Was macht mehr Spaß? Lesungen oder Konzerte?
Schwer zu sagen. Momentan genieße ich die Lesungen ziemlich, die sind kleiner und der Kontakt zum Publikum ist näher und intimer. Ich kriege dadurch oft sehr schöne Resonanz und fühle mich hinterher entspannter als nach einem großen Konzert. Als ich mit meinen ersten beiden Alben auf Tour war, war das natürlich total aufregend und toll, aber auch kein sehr ausgeglichenes Leben. Ich konnte da weniger darauf achten, wie es mir geht und was ich grade brauche. Ich spiele aber mit dem Gedanken, meine Gitarre mal mit zu einer Lesung zu nehmen.
Neulich habe ich in einem Buchladen eine Platte von dir gesehen. Glaubst du, die Musikbranche und der Literaturbetrieb rücken näher zusammen?
Ach echt? Welches Album war das?
Das Dritte.
Ah, deswegen war die Platte wahrscheinlich auch noch da. (lacht) Aber um auf deine Frage zurückzukommen, das kann ich nicht wirklich sagen. Ich bin ja auch noch neu in der Literatur, aber ich habe das Gefühl hier läuft alles noch etwas traditioneller. Die ganze Musikbranche hat sich ja sehr gewandelt, seit ich da raus bin. So eine krasse Entwicklung wie durchs Streaming gab es bei Büchern glaube ich noch nicht.
Ich muss mich jetzt mal outen. Ich bin ein ziemlicher Fan von deiner Musik, schon seit ich fünfzehn bin. Ich habe dich damals auch zweimal live gesehen.
Das freut mich total!
Ich glaube, als ich Die Welt ist rund auf YouTube gesehen habe, bist du zu meiner Heldin geworden. Ich habe Fußball gehasst.
Gegen Fußball habe ich an sich nichts. Es ging mir damals ja nicht um den Sport, sondern eher um die Gesellschaft. Ich fand es krank, wie plötzlich einfach ein Drittel der Tagesschau nur aus WM bestand. Als würde es die restliche Welt auf einmal nicht mehr geben. Ich glaube, das Video ist so groß geworden, weil ich damit etwas ausgedrückt habe, was viele Leute gefühlt haben.
Hast du damals auch Gegenwind bekommen?
Ja, manche haben mich schon gehatet. Der Song wurde von vielen als Provokation empfunden, auch wenn das gar nicht so mein Ziel war. Sogar irgendein Spieler hat dagegen gemeckert, Bernd Schneider, glaub ich? Ich habe von den negativen Stimmen aber gar nicht so viel mitgekriegt, weil dann alles so schnell ging und ich mich mehr auf die Schule und das Musikmachen konzentriert habe. Heute gefällt mir aber der Gedanke, dass eine Teenagerin das Land so sehr provozieren konnte. Mir ist wichtig, dass der Spirit von diesem Mädchen immer noch in allem steckt, was ich tue.
Wie war das mit Julez und den Drogen?
Im Nachhinein betrachtet ziemlich toxisch. Aber wir waren auch sehr jung. Die Drogen haben Spaß gemacht, dann irgendwann nicht mehr.
Habt ihr noch Kontakt?
Eigentlich nicht, aber er hat mir neulich geschrieben, dass er sich mein Buch gekauft hat. Das war süß.
In einem Kapitel deines Buches erzählst du auch von deiner Zeit in einer Tagesklinik, von Depression und Entzug. War es schwierig, darüber so offen zu schreiben?
Schwierig, aber auch wichtig. Das war mein tiefster Punkt, nach dem Tod meines Vaters und das mit der Musik schien vorbei. Mir war es wichtig, darüber zu schreiben, weil mir das geholfen hat, dieses Kapitel meines Lebens als Teil von mir zu akzeptieren. Heute geht es mir besser und ich bin stolz darauf, dass ich es geschafft habe, mir wieder ein besseres Leben aufzubauen. Das Buch ist für mich auch ein Beweis dafür, dass ich eine schwierige Phase überstanden habe.
Hast du der Musik inzwischen vollständig den Rücken zugekehrt, oder wird es irgendwann ein neues Album von Y/amin geben?
Man soll ja niemals nie sagen. Moment bin ich aber erstmal ausgelastet mit der ganzen Buchpromotion und meiner Arbeit bei Hilferuf!. Ich weiß aber auch nicht, ob ich schon bereit wäre, wieder ins Musikbusiness einzusteigen. Oder ob da überhaupt ein Platz für mich ist.
Du klingst ein bisschen verletzt.
Ja, vielleicht. Ernüchtert würde ich sagen. Es ist ja jetzt fast zehn Jahre her das alles, mittlerweile konnte ich reflektieren, wie scheiße das damals alles abgelaufen ist. Heute kann ich das relativ sachlich sehen, aber damals hat mich das alles echt fertig gemacht.
Meinst du das Ende deines Plattenvertrages?
Ja, aber auch alles davor. Die Übernahme von Petermann Records, das war mein Label damals, durch einen der Major. Und dann das ganze dritte Album, der Stilwechsel, die Musikvideos und so, das war ja nicht meine Idee. Würde ich am liebsten alles vergessen.
Es war schon anders als die ersten beiden Alben.
Das ist nett ausgedrückt. Es war einfach nicht authentisch. Deswegen ist es auch nicht gut angekommen, denke ich. Die Fans wussten, dass da mehr das Label hinter gesteckt hat als ich. Aber sowas wird leider immer mehr zur Normalität in der Musikbranche. Ich habe durch die ganze Sache einfach gelernt, wie wichtig mir meine künstlerische Freiheit und Authentizität ist. Wenn ich es nicht so machen kann, wie es sich für mich richtig anfühlt, lasse ich es lieber ganz.
Und jetzt kannst du wieder authentisch sein?
Ja. 4186 Kilometer Heimat habe ich genauso geschrieben, wie ich es wollte. Die Arbeit mit dem Lektorat und dem ganzen Verlag war total angenehm. Und ich muss mich auch nicht mehr in zu kurze Röcke zwängen.
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CD Comfort Zone. RAN/Do-music 2013.
2006 / Spontaneous (Singlemix) / Brave woman / Stick to the plan / Wired / Painkiller (feat. Julez) / Côte d’Azur / Fluidity / Space Mountain / Unknown
Das Interview entstammt der Seminararbeit von Luka Peltzer.