Y/amin Die Freiheit DeR Entscheidung
Gerade einmal 16 Jahre alt ist Y/amin, als sie mit ihrer am heimischen Klavier entstandenen „Antihymne“ 2006 die Webcommunity eroberte und für einen riesigen YouTube-Hype sorgte (bis heute 500k clicks). Zwei Jahre später erteilt sie den großen Major-Labels eine Absage und veröffentlicht bei dem Independent-Label Petermann-Records ihr Debutalbum. Weitere zwei Jahre später erscheint nun, ebenfalls bei Petermann, ihr zweites Album. Darauf findet man melancholischen und zugleich unbeschwerten Indie-Pop und Songs, die feinfühlig aufeinander abgestimmt sind und die Entwicklung beschreiben, die Y/amin in den letzten vier Jahren durchlebte.
Am Abend steht im Rahmen ihrer Promotour ein Konzert im Festsaal Kreuzberg in kleinem Rahmen an. Zuvor nimmt sich Y/amin, die bürgerlich Yasmin El-Amin heißt, Zeit für uns, und wir treffen die Songwriterin in einem kleinen Café in Berlin-Kreuzberg zum Interview. Wir sprechen mit ihr über Vorurteile, YouTube, die Pop-Welt und über ihre Inspirationsquellen. Dabei treffen wir auf eine junge Frau, die weiß, was sie will - und vor allem, was nicht.
Hey Y/amin, erstmal Glückwunsch zum Album-Release. Aufgeregt?
Danke! Ja, aufgeregt bin ich schon ein bisschen. Aber ich freue mich vor allem auf das, was mit der Veröffentlichung des Albums noch so kommen wird.
Ina Müller hat dich vor kurzem die „neue Deutschpop-Queen“ genannt. Gefällt dir die Bezeichnung?
Hm, um ehrlich zu sein nicht so wirklich. Ich mache zwar Popmusik, aber mit so einer Betitelung assoziiert man in meinen Augen eher eine auf Performance ausgerichtete Musikerin, die ein bestimmtes Image, eine Vorstellung eines Popstars bedient. Mit Playback, Backgroundtänzern usw. Und das bin ich auf jeden Fall nicht. Aber schön, dass sie nette Worte für mich findet.
„Künstlern, die durch YouTube bekannt werden, haftet ein bestimmtes Image an“
Auch sonst fallen die Kritiken für dein Album ja ziemlich gut aus. Die Hildesheimer Zeitung hat dich als „Hoffnungsträgerin der deutschsprachigen Popmusik“ bezeichnet. So positiv dein zweites Album auch aufgenommen wurde, so auffällig ist auch, dass über vielen Rezensionen noch immer der „YouTube-Star“ schwebt.
Das stimmt. Aber ich muss ehrlich sagen, dass mich das nicht allzu sehr stört. Mein YouTube-Video war ja nicht irgendein Quatsch, irgendwas Belangloses. Mir war es einfach wichtig, etwas anzusprechen, was meiner Meinung nach zu der Zeit mehr Öffentlichkeit und Aufmerksamkeit verlangt hätte. In Deutschland wurde die Fußball-WM gefeiert, während anderswo Krieg herrscht. Das hat mich ziemlich irritiert und dazu musste ich mich äußern. Da war YouTube einfach das Mittel zum Zweck. Aber klar, Künstlern, die durch YouTube bekannt wurden, haftet ein bestimmtes Image an. Ich kann das wie gesagt nicht immer ganz nachvollziehen, es kommt ja auch darauf an, was man da gemacht hat. Außerdem finde ich es schade, wenn YouTube generell verteufelt wird. Es gibt so viele unglaublich talentierte Musiker, die durch YouTube eine Plattform bekommen, ihre Musik zu präsentieren. Ich hätte ohne die Aufmerksamkeit durch YouTube damals sicher auch keinen Plattenvertrag bekommen.
Wie wichtig ist denn deiner Meinung nach das Image um Erfolg zu haben?
Natürlich ist das Image nicht unwichtig. Durch meine YouTube-Vorgeschichte hatte ich schon das Gefühl, richtig abliefern zu müssen, mich beweisen zu müssen. So einem YouTube-Erfolg haftet ja auch immer der One-Hit-Wonder Geschmack bei, und nicht alle feiern diese Plattform. Neulich habe ich in der Uni Hannover ein kleines Konzert gespielt, und da hab ich schon in ziemlich kritische Gesichter geblickt. So nach dem Motto „Was will das SUPER-Girl hier bei uns“, da musste ich mich schon beweisen. Aber für mich geht es einfach um die Musik.
Also wäre eine Casting-Show nichts für dich gewesen?
Oh nee! (lacht) Da ist alles immer so auf Kurzlebigkeit aufgebaut. Ich singe und ich spiele Klavier, das ist das, was ich den Leuten präsentieren möchte. Nicht, wie ich zu Playback tanzen kann, wie ich umgestylt werde oder auch vor laufenden Kameras für mein Nicht-tanzen-können kritisiert werde. Da geht es ja auch immer um ein vorgefertigtes Image. Die Leute da haben ja schon im Kopf, wen sie für welchen Zweck suchen. Ich möchte einfach mit meinem musikalischen Talent überzeugen.
Die Kooperation mit einem amerikanischen Getränkehersteller hast du auch abgelehnt...
Stimmt. Das war einfach nichts für mich.
Du hast eben selbst deine „Antihymne“ von 2006 angesprochen. Ich finde, dich unterscheidet von vielen deutschsprachigen Sängerinnen, dass du politische Dinge ansprichst, auch jetzt auf deinem zweiten Album.
Das kann sein. Ich liebe es, meine eigene Musik zu schreiben, über das, was mich bewegt. Und das sind zum Teil auch politische oder gesellschaftskritische Sachen. Aber nicht jeder Song auf meinem Album geht in diese Richtung. Aber es schadet in meinen Augen auch nicht, auf gewisse Themen hinzuweisen, darauf aufmerksam zu machen. Musik ist ja auch ein Sprachrohr. Für mich war das damals einfach ein sehr persönliches Thema, deshalb musste ich den Text schreiben.
„Ich habe gelernt, ich zu sein“
Wenn du auf die Person von vor vier Jahren zurückblickst: Was hat sich verändert?
Auf jeden Fall sind viele neue, interessante Kontakte dazugekommen, darüber freue ich mich. Und ich freue mich über die neuen Erfahrungen, die ich machen konnte, das alles beeinflusst natürlich auch meine Entwicklung als Musikerin. Ich habe gelernt, ich zu sein. Ohne den Drang, irgendwelchen Vorstellungen zu entsprechen. Das hört man auch auf meinem Album. Ich weiß was ich als Musikerin will und was nicht.
Lass uns über dein neues Album „Innerste“ sprechen. Was hat es mit dem Titel auf sich?
Es geht eigentlich um die Beziehung zur Musik. Meine Songs entstehen bei mir aus einer Situation oder einem Gefühl heraus. Durch sie kommuniziere ich, was mich gerade bewegt, was in mir vorgeht, worüber ich mir Gedanken mache. Was bei mir im Inneren vorgeht, kann ich gut über die Musik ausdrücken. Der Titel Innerste bezieht sich auch auf die Frage, was die Welt in meinen Augen im Innersten zusammenhält. Mitgefühl und Empathie, sich in andere Leute hineinzuversetzen, das ist meiner Meinung nach unglaublich wichtig, nur manchmal nicht so leicht. Musik ist ein gutes Werkzeug, um darauf aufmerksam zu machen.
Man merkt, dass du zu bestimmten Dingen Stellung beziehst, aber trotz der teils recht ernsten und melancholischen Stimmung auf deinem Album gefällt mir der humorvolle, ironische Unterton. Ich denke da an den Song „Stille Wasser sind flach“ oder „Immer diese Wechselwirkungen“.
Das stimmt. Mir ist wichtig, bei aller Ernsthaftigkeit nicht zu pessimistisch drauf zu sein. Manche Dinge müssen meiner Meinung nach angesprochen werden, aber ohne, dass aus jedem Song eine Art Abrechnung wird.
Der Song „Kalil“ ist wiederum sehr emotional und persönlich. Worum geht es in dem Song?
Kalil heißt der Bruder meines Vaters, der im Irak lebt. Mein Vater ist in den Siebzigern aus dem Irak nach Deutschland geflohen. So schön das Leben für ihn hier mit meiner Mutter und mir war, so oft habe ich doch auch schon als kleines Mädchen in seinen Erzählungen Heimweh und die Sehnsucht gespürt. Kalil hat uns immer Briefe geschrieben, und das war total schön für uns alle. Bei meinem Vater hat es für einen Moment die Sehnsucht gestillt und für mich waren die Briefe von ihm eine Art Brücke zum Irak, weil ich selber dort noch nie war, aber dadurch trotzdem eine Verbindung zu dem Land hatte. Der Song steht für mich vor allem für die Verbindung zu dem irakischen Teil meiner Familie.
“die Briefe von ihm waren eine Art Brücke zum Irak”
Wie entstehen deine Songs? Was inspiriert dich beim Schreiben deiner Texte?
Darauf bezieht sich auch der Titel meines Albums. Die Songs entstehen aus Erlebtem oder Gedanken, die ich mir mache. Dabei inspirieren mich meine Freunde, meine Familie, meine Umgebung. Im Schreibprozess bin ich ich dann völlig gedankenverloren in dieser Welt des Schreibens.
Hast du das Cover für dein Debütalbum auch selbst entworfen?
Zum Teil. Ich habe für das Cover mit meinem Freund Stanley Flint aus London zusammengearbeitet, er ist unglaublich talentiert. Ich habe ihm am Telefon grob meine Idee erklärt und er hat es sofort umsetzen können. Für die Rückseite des Albums haben wir Familienfotos mit surrealen Hintergründen collagiert. Dadurch ist ein persönliches aber auch surreales Artwork entstanden.
So wie bei deinem Debütalbum hast du auch jetzt wieder kein Writing-Team an Bord gehabt, aber mit dem Produzenten Patrik Majer zusammengearbeitet. Wie war das?
Das war toll. Ihm ist es gelungen, mit seiner professionellen Art meine Ideen und Vorstellungen umzusetzen. Mir war es wichtig, die kreative Kontrolle nicht abgeben zu müssen. Das war bei unserer Zusammenarbeit auch nicht so. Es hat einfach Spaß gemacht.
War die kreative Freiheit auch ein Grund, weshalb du dich vor zwei Jahren auch für das Indie Label Petermann-Records entschieden hast?
Ja, auf jeden Fall. Sowieso ist es mir wichtig, eigene Entscheidungen zu treffen. Das bedeutet für mich Freiheit. Ich hatte das Gefühl, bei einem kleinen Indie-Label mehr Freiheiten zu haben, was meine musikalische Ausrichtung betrifft. Dass ich mehr Zeit bekomme, um mich als Musikerin zu finden. Oft ist es ja bei den Major-Labels so, dass sie mehrere ähnliche Künstler unter Vertrag haben und dann ist man sehr an den Release-Kalender gebunden. Das erzeugt schon sehr viel Druck. Ich denke, bei einem Label wie Petermann-Records wird langfristiger gedacht. Mir geht es nicht darum, für die Verkaufszahlen schnell ein Album auf den Markt zu werfen. Die Arbeit an dem Album ist für mich eine sehr persönliche Sache. Außerdem sind bei Petermann-Records super interessante Leute unter Vertrag, aus ganz verschiedenen Genres. Das gefällt mir. Kunst braucht Vielfalt und Toleranz.
Petermann-Records hat auch den deutschen Jazz-Musiker Charly Auer unter Vertrag. Könntest du dir eine Zusammenarbeit vorstellen?
Klar, warum nicht. Ich hab’ immer Lust auf kreative Zusammenarbeit und wenn es dann musikalisch und persönlich gut passt, auf jeden Fall gerne.
“Die Arbeit an dem Album ist für mich eine sehr persönliche Sache.”
Eine Sängerin, mit der du oft verglichen wirst ist Dillon. Wie stehst du zu dem Vergleich?
Ich verstehe, dass man uns vergleicht. Und sie ist eine tolle Musikerin! Ich sehe das auf jeden Fall als Kompliment, da ich jeden Musiker bewundere und respektiere, der seine Songs selber schreibt. Und das machen wir beide.
Was hörst du denn selber gerne für Musik?
Ich bin ein riesiger Adam Green Fan. Mein absolutes Lieblingsalbum ist Sixes and Seven. Sein neues Album Minor Love ist auch toll. Das höre ich im Moment rauf und runter. Was deutschsprachige Musiker betrifft, mag ich eigentlich alles gerne, was Wir sind Helden bisher gemacht haben. Eins meiner Lieblingsalben ist aber immer noch Kopf auf von Jeans Team.
Auf deiner letzten Tour hast du gern in ausgefallenen venues gespielt. Was darf man denn auf deiner kommenden Tour erwarten?
Stimmt, ich mag es total, an besonderen Orten zu spielen. Im Oktober spiele ich zum Beispiel in der Nähe von Erfurt in einer trockengelegten Schwimmhalle. Aber sonst ist es bei dieser Tour so, dass wir darauf geachtet haben, trotz der etwas größeren Konzerte trotzdem eine persönliche Atmosphäre für die Auftritte zu schaffen.
Am Abend spielt Y/amin im Festsaal Kreuzberg. Das Publikum feiert sie, völlig zurecht. Denn Y/amin spielt über eineinhalb Stunden ihre wunderbaren mal melancholischen, mal unbe- schwerten Pop-Songs. Die Lieder sind laut und witzig, dabei poetisch und einfühlsam. Nach einer Zugabe verlässt die Sängerin die Bühne und lässt ein verzaubertes Publikum zurück.
Die leise.de - Diskografie
CD Verloren in Gedanken. Petermann Records 2008.
Labyrinth / Stichkanal / Kalil / Grußkarten und Handgranaten / Einfach Antworten (Nein, Nein, Nein) / Nebelschwaden / Freitag/Samstag / Verloren
CD Innerste. Petermann Records 2010.
Innerste / Farbeimer / Stille Wasser sind flach / Kleiderstange (Singlemix) / Damals Blau (Singlemix) / Immer diese Wechselwirkungen / Balancierend / Spiegelbild (in der Umkleidekabine) / Ein Tauschbad der Gefühle / Gartentor(gewitter) / Herzflimmern ohne Herz / Alles, was ich sagen würde, wenn ich die Wörter hätte (Part 1)
Das Interview entstammt der Seminararbeit von Anneke Well-Fischbock.