Titelinterview Yasmin El-Amin

Stehauffrau mit Message

Zwischen Hamburg und Bagdad fühlt sich Yasmin El-Amin zuhause. Im hobel-Interview erzählt sie, wo sich Glück überall finden lässt und wer sie zu ihrem ersten Roman inspiriert hat.

Foto: Andrea Piacquadio/Pexels.

Leises Stimmengewirr und der Duft von frisch gebrühtem Kaffee schaffen die perfekte Atmosphäre für unser Interview mit Musikerin und Autorin Yasmin El-Amin in einem kleinen Café an der Hamburger Alster. Mit ihrem Lied “Die Welt ist rund” machte sie mit erst 16 Jahren auf die Krisen aufmerksam, die auch während des deutschen Sommermärchens 2006 weiter anhielten. Es folgten drei Musikalben zwischen Indie- und Pop-Musik, dann zog sie sich aus der Öffentlichkeit zurück.

Die Zeit habe sie genutzt, um sich mit ihrer eigenen Geschichte auseinanderzusetzen. Und mit ihrem Herzensprojekt: der Arbeit in einer Organisation, die sich für Menschenrechte im Irak einsetzt. Daraus ist ein Roman entstanden. Nach den Fotoaufnahmen am Bahnsteig erzählt El-Amin von ihrem Buch. Und von ihrer liebsten arabischen Süßspeise.

Sie wollten unbedingt dieses Café besuchen. Warum?

Weil es hier das beste Knafeh gibt.

Was ist Knafeh?

Das ist ein typisch arabisches, warmes Dessert und es gibt davon 100 verschiedene Varianten. Aber im Grunde ist es eine Masse aus vielen dünnen Teigfäden, die gebacken wird, und im Inneren ist eine Schicht Käse. Wenn es aus dem Ofen kommt, übergießt man es mit viel Sirup. Das ist für mich sozusagen Glück als Auflauf.

Wir werden es auf jeden Fall probieren. Erinnert Sie dieses Gericht an Ihre Kindheit?

Ja, sehr. Mein Vater kam ja aus dem Irak und hat in Hildesheim, wo ich auch aufgewachsen bin, ein Migrationszentrum mitgegründet. Dorthin hat er mich oft mitgenommen. Wir Kinder haben gespielt, während die Erwachsenen sich ausgetauscht haben. Und Essen gab es da eben auch, irgendjemand hat immer etwas mitgebracht. Da habe ich das erste Mal Knafeh probiert und es seitdem geliebt.

„Ich mag arabisches Ofen-gemüse genauso gern wie Grün-kohl.“

Und was wurde zuhause gekocht?

Ganz bunt durcheinander. Deutsche Gerichte, irakische Gerichte, Nudeln mit Tomatensoße... Meine Eltern haben beide gern gekocht. Ich mag arabisches Ofengemüse genauso gern wie Grünkohl.

Haben Sie sich in dem Migrationszentrum in Hildesheim auch engagiert?

Nein, nicht wirklich. Ich habe mich mit den Menschen dort zwar verbunden gefühlt, aber als Teenagerin hatte ich damals andere Sachen im Kopf. Musik zum Beispiel. Das Zentrum gibt es aber immer noch und wenn ich meine Mutter besuche, schaue ich dort gern vorbei. Die Arbeit, die da geleistet wird, ist wirklich wunderbar. Die Menschen können sich dort treffen und gegenseitig unterstützen. Außerdem ist es mittlerweile fast so etwas wie ein Gemeindezentrum geworden. Alle Menschen können zu den Veranstaltungen kommen. Ein richtiges Begegnungszentrum.

Seit einigen Jahren engagieren Sie sich aber in einem anderen Verein.

Richtig, für Hilferuf! e. V.. Der Verein setzt sich besonders für die Rechte von Frauen, Kindern und Minderheiten im Irak und in anderen Ländern ein.

Wie sind Sie dazu gekommen?

Während meines Studiums habe ich eine Stelle als Praktikantin bei Hilferuf! bekommen und wollte deren Arbeit auch danach unbedingt weiter unterstützen.

Was haben Sie studiert?

Ethnologie und Kunstgeschichte.

Können Sie kurz erklären, was Ethnologie ist?

Die Wissenschaft der verschiedenen menschlichen Lebensweisen. Man beschäftigt sich mit den unterschiedlichen Kulturen und Gesellschaften, die Menschen früher und heute ausgebildet ha- ben. Menschen haben zum Beispiel immer getanzt und gesungen. Aber wie sie das gemacht haben, ist sehr unterschiedlich.

Foto: Andrea Piacquadio/Pexels

Wie sieht Ihre Mitarbeit in dem Verein aus?

Ich bin Ansprechpartnerin für Jugendliche und junge Erwachsene aus dem Irak. Ich versuche, ihnen zu helfen hier anzukommen und sich zurecht zu finden. Das bedeutet mir viel und ich kann da meine ganze Person einbringen.

Wer ist das, Ihre „ganzen Person“?

Ein Teil meiner Wurzeln liegt im Irak, das war mir immer bewusst. Meine Mutter ist Deutsche, mein Vater Iraker. Beide Kulturen spielten für mich immer eine Rolle, aber die deutsche ist in meinem Alltag präsenter gewesen. In meiner Arbeit ist nun auch der andere Teil gefragt und ich fühle mich mit den Menschen dort besonders verbunden.

Lassen Sie uns über Ihr Buch sprechen. Worum geht es?

Es geht um verschiedene Frauen. Da ist einmal Sarah, die Tochter einer deutschen Mutter und eines irakischen Vaters, die in Deutschland aufwächst. Und dann gibt es verschiedenen Frauen, die im Irak leben und die die Proteste 2019 dort hautnah miterleben.

Worum ging es bei den Protesten?

Vor allem um die schlechte wirtschaftliche Lage und die Unzufriedenheit mit der politischen Führung. Die Jugendarbeitslosigkeit ist dort sehr hoch und Korruption an der Tagesordnung. Die Sicherheitskräfte sind damals extrem hart gegen die Protestierenden vorgegangen. Das hat die Lage noch verschärft.

Haben Sie während Ihrer Arbeit die Frauen kennen gelernt, von denen Sie in Ihrem Roman erzählen?

Sozusagen, ja. Die Geschichten sind von dem inspiriert, was mir die Frauen erzählt haben, mit denen ich zusammenarbeite. Die Szenen haben sich nicht eins zu eins so zugetragen. Aber sie schildern die Perspektive dieser Frauen, ihre Gefühle und die Stimmung in ihrem Land.

Und die Inspiration für Sarah?

Die kam offensichtlich sehr von mir. Sachen, die ich selbst erlebt habe oder Freundinnen von mir. Sarah erlebt den Alltagsrassismus und die Vorurteile, die die meistens Mädchen und jungen Frauen erleben, die wie ich eine dunklere Haut- und Haarfarbe haben, ein Kopftuch tragen oder aus anderen Gründen zunächst einmal als fremd empfunden werden.

Und was geschieht mit Sarah und den anderen Frauen?

Die Hauptfiguren sind alle auf der Suche nach ihrem Weg durchs Leben. Sarah hat einen ähnlichen Weg wie ich. Sie wächst im Grunde sehr behütet auf, erfährt als junge Erwachsene einen schweren Schicksalsschlag und steht danach wieder auf. Von den irakischen Frauen, von denen ich erzähle, erfährt man nicht so viele Einzelheiten. Ich beschreibe sie in Momenten, in denen sie sich ihrer selbst ganz bewusst sind, ihre Situation genau durchschauen. Was darauf folgt, lasse ich offen.

Ist das Buch nur für Frauen?

Nein, auf keinen Fall. Ich habe zwar meinen eigenen Weg und mein Erwachsenwerden verarbeitet, aber ich habe auch eine Geschichte erzählt, in der die Figuren ihre eigenen Prägungen, ihre Einschränkungen erkennen und dabei gleichzeitig ihre Möglichkeiten entdecken. Darin können sich hoffentlich viele Menschen wiederfinden.

Ihr Roman heißt 4186 Kilometer Heimat. Was ist 4186 Kilometer lang?

Die Strecke zwischen Bagdad und Hildesheim.

Ganz schön weit.

Schon, aber so weit auch nicht. Eigentlich könnte man direkt über Land zwischen den beiden Städten hin und her wandern. Die Schicksale, um die es in meinem Buch geht, sind gar nicht so weit von uns entfernt. Auch wenn einem das eigene Leben natürlich immer am nächsten erscheint, sind da jetzt gerade diese Frauen, die im Irak und ganz präsent im Iran um ihre Rechte und ihre Freiheit kämpfen. Darauf möchte ich aufmerksam machen.

Wie schon mit Ihrem ersten Lied Die Welt ist rund, das Sie auf youtube veröffentlichten.

Richtig. Auch damals hatte ich das Gefühl, dass viele wichtige Themen unbeachtet blieben. Das hat mich beunruhigt und traurig gemacht. Daraus ist das Lied entstanden.

Und ihr Erfolg! Sie trafen offenbar einen Nerv und wurden über Nacht berühmt. Wenig später nahmen Sie ihr erstes Album auf. Haben Sie es je bereut, das Video hochgeladen zu haben?

Früher manchmal schon, heute überhaupt nicht mehr.

Foto: Andrea Piacquadio/Pexels.

Warum?

Also in den ersten Wochen, nachdem ich mein Video online gestellt hatte, war es nicht nur aufregend, sondern manchmal auch beängstigend. Die Aufmerksamkeit wurde immer mehr, auf einmal erhielt ich Interviewanfragen, fremde Leute erkannten mich und sprachen mich auf der Straße an. Damit musste ich erstmal umgehen lernen. Aber es hat mich natürlich auch un- heimlich berührt, dass so viele Menschen meine Message hörten und gut fanden.

Und heute?

Heute bin ich vor allem dankbar für diese Zeit und für alles, was daraus erwachsen ist. Ich denke vor allem daran, wie viel Spaß es gemacht und wie viele unterschiedliche Menschen ich dadurch kennen lernen konnte. Mit Markus Blomm zum Beispiel, dem Chef meiner ersten Plattenfirma, bin ich noch immer befreundet.

Zuletzt waren Sie ja bei RAN/Do-Music, also einem multinationalen Musikkonzern.

Das stimmt. Dort habe ich mein letztes, weniger erfolgreiches Album veröffentlicht.

„Ich habe gelernt, wie sehr ich mich verbiegen kann- und wie wenig ich das möchte.“


Können Sie auch dieser Zeit etwas Positives abgewinnen?

Es war nicht leicht, aber mittlerweile habe ich meinen Frieden damit gemacht. Ich habe erlebt, wie hart das Musikgeschäft sein kann. Ich musste plötzlich ein Image verkörpern, mit dem ich mich nicht identifizieren konnte. Aber daraus habe ich gelernt. Wie sehr ich mich verbiegen kann und wie wenig ich das möchte.

Nach diesem dritten Album wurde es sehr still um Sie. In Ihrem Buch erwähnen Sie einen Schicksalsschlag. War das der Grund für Ihren Rückzug?

Ich zog mich aus privaten Gründen zurück. Ich brauchte Zeit, um mich aus einer persönliche Krise herauszukämpfen. Mehr möchte ich dazu nicht sagen.

Wären Sie auch ohne youtube Musikerin geworden?

Das hoffe ich! Aber sicher hätte es mehr als einen Song gebraucht, bis ich mein erstes Album hätte aufnehmen dürfen. Als unbekannte Künstlerin muss man ja erst beweisen, dass man die Mühe wert ist. Die Plattenfirma muss an dich glauben. Ich hatte da schon einiges an Vorschusslorbeeren.

Was kommt als nächstes: noch ein Buch oder wieder ein Musikalbum?

Ich weiß es ehrlich gesagt noch nicht. Beides ist möglich ist. Jetzt kommt erstmal eine Lesereise auf mich zu und Ende April die Buchmesse in Leipzig.

Waren Sie schon einmal in Leipzig?

Immer nur auf der Durchreise. Dieses Mal will ich mir aber Zeit nehmen, um die Stadt zu erkunden.


Vita

Geboren am 9. Juli 1990 in Hildesheim. Als junges Mädchen wird Yasmin El-Amin mit Kir- chenchor und Klavierunterricht auf ihre musikalische Karriere vorbereitet. 2006 wird sie in Deutschland mit dem Song „Die Welt ist rund“ bekannt. Zwei Jahre später erscheint ihr erstes Album „Verloren in Gedanken“. Nach Berlin zieht sie 2009, um sich ganz auf ihre Musikkar- riere zu konzentrieren. 2010 folgt das erfolgreiche Album „Innerste“ mit klugen Texten und feelgood-Melodien. Ihr autobiographisch inspirierter Roman „4186 Kilometer Heimat“ erschien am 12.03.2023 (Dowohlt nuovo, 16 €).

Das Interview entstammt der Seminararbeit von Jill Alina Koenig.