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Hörnbad. Ein Gewinn für alle?

Von Maximilian Thieme

Das Kieler Hörnbad: Meilenstein oder Grenzstein? © Maximilian Thieme.

Als Meilenstein der Kieler Bäderlandschaft wurde das neu eröffnete Hörnbad im Jahr 2018 gefeiert. Die Vielfalt der Angebote, die ambitionierte Architektur, die zentrale Lage – dieses Bad sei ein Gewinn für alle Kieler*innen, so hieß es. Allerdings muss man fragen: Ist das wirklich so?

Denn die Geschichte dieses Gewinns ist eng verbunden mit einem Verlust. Mit der Schließung der alten Gaardener Bäder haben Familien lokalkulturelle Orte der Integration und Sozialität eingebüßt. Inwiefern der Neubau an der Hörn diese Funktionen beerben kann, ist fraglich.

Von unterschiedlicher Seite wurden die sozialkulturellen Folgen der veränderten Bäderlandschaft am Ostufer beklagt. Auch Mitarbeiter*innen der Familien- und Jugendhilfe erleben, was dieser Verlust konkret bedeutet: „Katzheide zum Beispiel war vor allem auch ein Begegnungsort, der die lokale Kultur des Stadtteils geprägt hat: Hier trafen sich vorrangig Gaardener*innen mit ihren Nachbar*innen und befreundeten Familien“, so Anne Weiss, Familienhelferin in Kiel. Das Schwimmen habe selbst eine Rolle gespielt, mehr noch aber sei das Freibad ein Ort der Geselligkeit gewesen.

Anne Weiss, freiberufliche Familienhelferin. © Maximilian Thieme.

Auch das Hörnbad will ein Ort der Integration, ein Bad für alle sein. Ein ehrbarer Gedanke, der allerdings an der finanziellen Realität vieler Gaardener*innen vorbeigeht. Initiativen zur finanziellen Unterstützung wie die Kiel-Karte bemühten sich, Sozialhilfeempfänger*innen unter die Arme zu greifen, doch erreichten bei Weitem nicht alle einkommensschwachen Familien, erzählt Anne Weiss. Die Konsequenz: „Das Hörnbad ist vor allem ein Bad, in dem Bürger*innen aus der Mittelschicht es sich leisten können, regelmäßig schwimmen zu gehen.“

Ortsfragen: nah und fern zugleich. © Maximilian Thieme.

Nicht nur eine finanzielle Schwelle also, sondern auch eine soziale. Standort und Konzept verändern auch das soziale Gefüge des Hörnbads. Wirkliche Begegnung wird erschwert, wo sie ein Gefälle spürbar werden lässt: „Zum Beispiel dann, wenn ich eben nicht mehr meine Bekannten treffe, sondern eine höhere Anonymität herrscht. Wenn ich mich schäme, weil ich die Kiel-Karte vorzeige und mich dadurch schon an der Kasse als Empfänger:in von Sozialhilfe ‘oute‘.“ Sich als eine*r von „den Anderen“, von „drüben“ zu fühlen, das erschwert nicht nur Integration, sondern auch Erholung.

Ein Sehnsuchtsort bleibe das Hörnbad dennoch, vor allem für die Kleinen, die sich Spaß und Abwechslung von ihm versprächen. Aber: Anders als in den alten Bädern blieben Besuche im Hörnbad für Gaardener Familien einmalige Höhepunkte, weil Eltern sich die Kosten vom oft geringen Einkommen absparen müssten, die Erreichbarkeit durch den neuen Standort anders erlebt werde. Ein Gewinn mag das Hörnbad für manche sein – sicherlich aber nicht für alle. Dafür wiegt der Verlust, den Gaardener*innen in ihrem familiären und sozialen Alltag durch die Schließung der alten Bäder erleben, zu schwer.