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Das Phänomen Strandburg

Von Domenica Psiuk

Ostseebad Laboe. Strand um 1905. © Stadtarchiv Kiel, Sig.: 53.417, Fotografie von Wilhelm Knackstedt & Herrmann Näther. (CC BY-SA 3.0 DE)

Im ausgehenden 19. Jahrhundert wird die Badekultur Bestandteil des Lebensstils der bürgerlichen Familie. Damit wird der Strand zur Zone, in der sich die Familie sowohl gegen die Kräfte der Natur als auch gegen nachbarschaftliche Konkurrenz abgrenzen muss. Dies ist die Geburtsstunde der Strandburg.

Dieses Bauphänomen trifft den damaligen Nerv der Zeit. Strandburgen überziehen bald die Badestrände an Deutschlands Küsten. Die weitläufigen Flächen wandeln sich in parzellierte und befestigte Areale, in denen sich Gestaltungswille, Herrschaftsanspruch und patriotische Gesinnung ausdrücken.

Dort, wo das Meer aufs Festland trifft, wo Wind und Wellen den Küstenstreifen formen, lassen sich die Kräfte der Natur unmittelbar begreifen. Die badende Familie, die den Strand als Neuland erobert, errichtet mit Eimer und Schaufel Bollwerke gegen die Naturgewalten. Obgleich diese Bauwerke nicht gern gesehen sind – mancherorts werden sie gar verboten – trotzt die Strandburg als mächtiger Ringwall spielerisch den Elementen, bietet Schutz und Geborgenheit – zumindest so lange, bis Wind und Meer an den kunstvollen Bauten nagen, um sie schließlich wieder völlig niederzureißen.

Laboe, Kinder buddeln am Strand, 1912. © Sammlung Wolfgang D. Kuessner Kiel.

Die Badekultur wird zum Massenphänomen; für die Familie wird es unabdingbar, hier am Strand ihren eigenen, definierten Platz zu finden. Die Strandburg gereicht zum identitätsbildenden Instrument: Indem sie Außenstehende auf Abstand, die familiäre Kleingruppe aber beisammenhält, etabliert sie die Ambiguität von Abgrenzung und Kommunikation. Die Menge der selbstaufgeschütteten Refugien symbolisiert dabei das Kollektiv der Strandbewohner:innen: Die Badegäste erkennen sich gegenseitig und nehmen sich als Mitglieder der großen Freizeitgesellschaft wahr.

Ostseebad Laboe. Strand um 1919. © Stadtarchiv Kiel, Sig.: 53.409, Fotografie von Hermann Edlefsen. (CC BY-SA 3.0 DE)

Der unberührte Strand verlangt nach Erschließung und Befestigung. Vorrangig dient die Strandburg als Schutzwall gegen Wind, Wasser und Nachbarschaft. Und doch ist sie viel mehr: Ein symbolisches Gebilde, mit dem sich nicht nur der persönlich beanspruchte Raum, sondern auch die patriotische Gesinnung markieren lässt. In einer Zeit nationaler Begeisterung wird das Territorium der Burgen zur demonstrativen Speerspitze. Weithin sichtbare Wimpel, Fähnchen und Flaggen – vielfach in den Reichsfarben – bekunden die Zugehörigkeit der Burgerbauer*innen zur deutschen Nation.

Die sandigen Bastionen entwickeln sich baulich weiter: Vom abschirmenden Bollwerk hin zum Dekorum, mit dem die immer gleiche Form individualisiert wird. Persönliche Interessen werden offenherzig ausgedrückt: Der Fußballverein, der Kegelclub oder die eigene Heimatstadt werden durch Intarsien mit Wappen und Buchstaben in die Burgwände gelegt. Von hier aus führt eine Entwicklungslinie zu rein skulpturalen Strandgebilden: Als nicht mehr bewohnbare Kunstwerke entstehen nun an vielen Stränden der Welt temporäre Denkmäler oder Figuren aus Sand.