Kiel
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Nacktbaden rund um Kiel
Von Jonathan Pagels
Erste Schwimmversuche in der Nähe des Steges. © Ralf Mernke.
Streifenfreie Bräune, textilfreies Umflossenwerden vom Meerwasser oder die schiere Freude am Nacktsein – es gibt zahlreiche Gründe für unbekleidetes Baden. Und auch viele Kieler*innen frönen der Freikörperkultur im Stadtgebiet. So zum Beispiel am Falckensteiner Strand in der Nähe des Leuchtturms.
Hier wurde das Nebeneinander von Bekleideten und Unbekleideten 2019 beinahe ein kleines Politikum. Mitglieder einer Ortsgruppe beantragen die Einrichtung eines FKK-Bereichs, doch die Stadt wiegelt ab. Keine einzige Beschwerde ist dort eingegangen – es herrscht Toleranz gegenüber Andersbadenden.
Es gibt aber auch organisierte Formen der nackten Freizeitgestaltung – etwa vor den Toren Kiels, in Flemhude. Hier trafen sich 1949 einige Freund*innen des FKK-Gedankens und gründeten die „Liga für freie Lebensgestaltung“. Bereits ein Jahr später konnte ein 12.500 qm großes Gelände gepachtet werden. Als ehemalige Spülfläche offenbarte sich das Areal als Kieswüste – oder, in den Augen der Mitglieder, als Nährboden, auf dem in den kommenden Jahren eine kleine Utopie gedeihen sollte. Mit viel Tatkraft wurden Pflanzungen angelegt, Gemeinschaftszelte organisiert und eine Nissenhütte gebaut.
Vereinsmitglieder bauen den Badesteg. © Naturist Camping am Flemhuder See Kiel e.V.
Das Vereinsleben florierte. Über die Jahre schufen die Flemhuder Naturist*innen Sport- und Kinderspielplätze, Wasserzapfstellen, ein Duschhaus, eine Sauna – und einen Badesteg, der an heißen Sommertagen zum Zentrum des Vereinslebens avancieren sollte. 40 Jahre später steht an derselben Stelle die vierte Generation des Stegs. Und obwohl es heute kostengünstigere Alternativen zu Holz gäbe, haben sich die Vereinsmitglieder dazu entschieden, die Badestelle immer wieder in ihrer ursprünglichen Gestalt zu erneuern. Sie ist ein wichtiger Teil der Vereinsidentität geworden.
Textilfreie Abkühlung im Sommer. © Ralf Mernke.
Mit dem Fallen der Hüllen fallen auch die Vorurteile, Klassenunterschiede und Statussymbole, werden die Menschen voreinander gleich – die Philosophie der Gründerväter und -mütter wird auch heute noch hochgehalten. Wichtig ist nicht, woher man kommt, sondern wie man sich in die Gemeinschaft einbringen kann. So berichtet der heutige Vereinsvorsitzende Ralf Mernke zum Beispiel, wie er als Kind seine Schwimmabzeichen am Badesteg erhielt. Ein langjähriges Mitglied engagierte sich nämlich zusätzlich bei der DLRG und nahm dergestalt qualifiziert den Kindern ihre Schwimmprüfungen ab.
Neben den freiheitlich-demokratischen Werten ist seit jeher das Leben im Einklang mit der Umwelt ein Kernanliegen der Flemhuder Naturisten. Stets wurde Flora und Fauna großzügig Platz eingeräumt. Es wurde Müll getrennt, die teurere, aber vollbiologische Variante einer Kläranlage gewählt und derlei mehr. Über 70 Jahre nach Vereinsgründung trägt dieser Wille zum respektvollen Miteinander erstaunliche Früchte: Heute lassen sich zwischen den Flemhuder Freunden der Freikörperkultur wieder Pflanzen und Tierarten finden, wie sie zuletzt vor 100 Jahren in der Gegend beheimatet waren.