Kiel
geht
baden

Aus den Projektberichten

Einweihung Schwimmhalle Gaarden, 1966. © Stadtarchiv Kiel. Nr. 40654. Fotografie von Friedrich Magnussen. (CC BY-SA 3.0 DE)

Die universitäre, das heißt in engerem Sinne wissenschaftliche Arbeitsweise ist modellbildend. Darunter verstehen wir, dass mögliche Anwendungen theoretisch erschlossen und fortlaufend methodisch reflektiert werden. Die so entwickelten Versuchsaufbauten werden als Fallstudien schriftlich fixiert.

Jedes Exponat begleitet daher ein Projekbericht, der seine Entstehung protokolliert und unsere Arbeit als Prozess der Erkenntnisgewinnung sichtbar und nachvollziehbar macht. Die folgenden Ausschnitte aus den Projektbeichten der Seminarteilnehmer*innen illustrieren unseren Denkweg hin zu einer Ausstellung mit dem Titel Kiel geht baden.

»Kiels Identität und Leitbilder zu beschreiben, ohne dabei in Stereotypen und Klischees abzudriften, die sich in jedem Souvenir-Laden wiederfinden, gestaltete sich schwierig. Es wurde deutlich, dass die ›Kieler Identität‹ sich nicht nur an einzelnen Punkten festmachen lässt, sondern dass sie sich kaleidoskopisch zusammensetzt, dynamisch und perspektivgebunden ist und nicht jeder Punkt auf jedes Individuum anwendbar ist. Jede Person hat ihr eigenes Bild von Kiel, die Stadtidentität setzt sich also aus Schnittmengen dieser Bilder zusammen und kann für jede Person anders aussehen.« (Julia Berlin)

»Zwar mangelte es nicht an Vorschlägen, doch traf die Frage des Dozenten, wer von uns einen Wassersport betreiben würde, auf betretenes Schweigen. Der offensichtliche Widerspruch zwischen Assoziation und Identifikation zeigte uns die Komplexität der Frage nach der kulturellen Identität und Repräsentation einer Stadt und regte zur weiteren Reflexion an. In der Diskussion stellte sich heraus, dass Kiel zwar am Meer liegt und meist auch damit in Verbindung gebracht wird, die fehlende Promenade und Gastronomieszene am Wasser jedoch von der eigentlichen Lückenhaftigkeit des maritimen Images zeugen.« (Nena Buhlman)

Fakultätsblöcke der Christian-Albrechts-Universität an der Leibnizstraße, März 1975. (c) Stadtarchiv Nr. 65728. Fotografie von Friedrich Magnussen. (CC BY-SA 3.0 DE)

»Kulturelles Erbe aber kann, wie sich gezeigt hat, nicht nur als Produkt der Künste begriffen werden, sondern auch als kulturanthropologische Praxis, die eine Gesellschaft im Inneren ausmacht, definiert und ihre Identität ausbildet. Damit umfasst der Kulturauftrag auch materiell erst einmal schwer greifbare Bereiche des menschlichen Handelns wie Bräuche und Traditionen. Die identitätsstiftende Funktion des kulturellen Erbes Badekultur alleine reichte bspw. nicht aus, um eine kulturpolitische Förderung zu rechtfertigen, da es ihr an der Auseinandersetzung über gesellschaftliche Werte und Normen fehlt. Wird die Ausübung dieser Praxis jedoch durch andere Interessen behindert, wie es hier der Fall ist, gerät ein an sich harmloser Brauch zum Anlass, über Werte und Normen zu streiten.« (Beeke Röhl)

»Wir hatten bereits festgestellt, dass es uns nicht möglich sein würde, Kiel objektiv darzustellen. Theoretisch wäre dies bereits schwierig gewesen, da der Kurs relativ homogen zusammengesetzt ist – die meisten Seminarteilnehmer*innen sind weiblich, weiß, privilegiert und geprägt durch die universitäre Lehre. Da wir außerdem bereits festgestellt hatten, dass viele Darstellungen Kiels an Tourist*innen gerichtet sind oder auch für Kieler*innen ein idealisiertes Bild entwerfen, war es uns wichtig, uns im Rahmen der Gestaltung unseres Museums von Stereotypen zu entfernen oder diese gegebenenfalls kritisch zu hinterfragen. Kiel sollte von uns so gezeigt werden, wie wir es tatsächlich erleben. Trotz der Gebundenheit an die Wahrnehmung der Kursteilnehmer*innen sollte das Museum die Möglichkeit bieten, dass mehrere Seiten der Stadt gezeigt werden und somit mehrere Personengruppen angesprochen werden können.« (Henriette Cromm)

Eröffnung der Segelsaison 1957 (c) Stadtarchiv Nr. 5461. Fotografie von Friedrich Magnussen. (CC BY-SA 3.0 DE)

»Kiel bzw. die Kieler*innen gehen baden, aber ebenso gehen leider manchmal ihre Wünsche und Ideen für ein breiteres Angebot oder die Verbesserung/Instandhaltung des Badespaßes baden. Die Exponate sollen Fragen beantworten, von denen die Bewohner*innen nicht wussten, dass sie sie haben; sie sollen Antworten auf basale Interessen geben. Auf ästhetische Weise soll die Funktionalität der Inhalte dargestellt und der komplexe Zusammenhang der Exponate zugänglich gemacht werden.« (Stina Fydrich)

»Die Stadt definiert sich durch ihre Nähe zum Wasser, sie ist die ›Sailing City‹. Es wird weithin angenommen, dass Kieler*innen unentwegt baden gehen. Doch der Zugang zum Wasser ist in Kiel nicht selbstverständlich und nicht für alle gleichermaßen gegeben. Je mehr Badestellen wir uns anschauten, desto deutlicher wurde, dass man in Kiel nicht ›mal eben schnell‹ (und legal) baden gehen kann, so wie es sich viele Menschen vorstellen. Jede Badestelle in Kiel hat eine Geschichte und wir entschieden uns, diese Geschichten in unserer Ausstellung zu erzählen.« (Jana Kinast)

Landesmeisterschaften im Schwimmen, Raisdorf 1971. (c) Kieler Stadtarchiv. Nr. 84938. Fotografie von Friedrich Magnussen. (CC BY-SA 3.0 DE)

»Der Verlauf des Seminars lässt sich in toto mit dem filmischen Gestaltungsmittel des Zooms vergleichen, wobei die Einstellungsgröße unserer Ausgangssituation dem Panorama, die unseres Endpunktes dem Detail entspricht. Dies meint zum einen, dass zunächst in assoziativer Breite und theoretischer ›Unbefangenheit‹ Vorstellungen und Ansichten der Studierenden über die Identität (der Stadt Kiel), über die eigene Gruppenidentität, über Repräsentanz, Soziokultur etc. inventarisiert und diskutiert wurden. Zum anderen, dass relevante Begriffe nicht in ihrem geläufigen Gebrauch als gegeben akzeptiert, sondern befragt und ggf. dekonstruiert wurden, um sie dann theoretisch zu unterfüttern und schließlich in den folgenden Sitzungen hermeneutisch in den Kurs zurückzuzirkeln.« (Jonathan Pagels)

»Unser Museum soll ein Kieler Selbstbild verkörpern und dies dabei möglichst authentisch tun. Unsere Exponate sollen eine Geschichte der Stadt Kiel erzählen und das so objektiv wir möglich. Es soll Identifikationsmöglichkeiten schaffen, die Vielfalt der Stadt einfangen und gleichzeitig Wissen vermitteln. Wir wollen keinen Mainstream abbilden.« (Ann-Christin Prüße)