Inexklusion
Diskreter Ausschluss und kulturelle Vereinnahmung
im medialen Feld der Gegenwart (Vorwort)
Erstaunlich viele Medienphänomene der Gegenwart beschreiben kulturelle Aneignungsverhältnisse. Sie lassen Strategien erkennen, die dem Vorwurf von Ausschluss und Elitismus mit einer nur vordergründigen, bestenfalls oberflächlichen Öffnung in Richtung des vormals Ausgeschlossenen begegnen. Dieser Band versucht solche windungsreichen Prozesse auf den Begriff der Inexklusion zu bringen. Die Beiträge widmen sich so diversen Themen wie Marketing- und Wahlkampfstrategien, medialen Fremd- und Selbstbildern, Kunst und Körper, feministischer Theorie und chauvinistischer Praxis. Konzeptionell verklammert sind sie in der Analyse der den medialen Phänomenen zugrundeliegenden Aneignungs- und Abgrenzungsprozeduren. Theoretische Reflexion und praktische Beispielanalyse gehen in den Essays Hand in Hand.
Dass zwei Institute und zwei Gruppen Studierender sich zusammenfanden, um kulturphilosophische Theoriearbeit mit kulturwissenschaftlicher Anwendungsarbeit zu vermitteln, war Teil des interdisziplinären Konzepts. Vertraut gemacht werden sollten die Studierenden nicht zuletzt mit der Praxis eines publizistischen Betriebs, in dem Wissenschaft und Kultur seit jeher enge Verbindungen unterhalten. Die Erwartung, dass die Absolventinnen und Absolventen, später einmal, in den kulturellen Institutionen über ihrer täglichen Praxis weder kulturwissenschaftliche Fachidiot*innen bleiben noch sich einer gedankenlosen Betriebsamkeit überlassen, leitete zu jedem Zeitpunkt die Arbeit von Seminar, Workshop und Redaktionsarbeit an.
Wissenschaft liefert, mit Luhmann gesprochen, Beobachtungen zweiter und dritter Ordnung. Sie macht nicht nur die Beobachtung als solche fassbar, sondern ergänzt eine zeitliche Perspektive, die als Summe und Reflexion der Beobachtungsbeobachtungen ein Korrektiv zur Annahme bildet, die theoretische Durchdringung der Welt sei eine gemütliche Sache. Das Gegenteil ist der Fall. Jede Rede von Inklusion und Exklusion muss sich hüten, die immer temporären, immer veränderlichen Grenzen zu verabsolutieren und jene blinden Flecken zu generieren, die ab einem bestimmten Ausmaß zum Dogma werden. Denn natürlich bildet jeder Sprecher das Zentrum des eigenen Diskursraums und ergeben ähnliche Sozialisationen dichte Netze, um nicht zu sagen: Schäume der Rechtschaffenheit. Reflexive Distanz lässt sich folglich nur erreichen, wenn man die Standpunkte der Beobachtung mischt und versucht, jedenfalls bis zu einem gewissen Grade Vielstimmigkeit, oder besser: Vielsichtigkeit herzustellen.
Dieser Reflexion der Reflexion dienten die Anregungen, die wir, Studierende wie Herausgeber, von namhaften Fachreferent*innen während eines dreitätigen Workshops in Sankelmark bei Flensburg empfangen haben. Entsprechend sah der von den Herausgebern gefasste Plan vor, dem noch fangfrisch schillernden Begriff der Inexklusion mit einem besonderen Versuchsaufbau zu begegnen, bei dem wir Beobachtergruppen zusammen bringen, die normalerweise disziplinär getrennt sind: Dozierende und Studierende, Philologen und Philosophen, Stilisten und Soziologen, Kulturkritiker und Kulturwissenschaftler, Politiker und Laien. So war die Beobachtung der Phänomene selbst begleitet von der permanenten Beobachtung fremder Perspektiven, die wiederum auf jene zurückwirken. Die dergestalt von auswärtige Expert*innen begleitete, belehrte und korrigierte Arbeit an den Phänomenen hat sich dennoch nicht in den Rückkopplungsschleifen kulturwissenschaftlicher Selbstreflexion verfangen, sondern zu einem Sammelband aktueller Essays verdichtet, der sich wiederum sehen lassen kann.
Herzlich zu danken ist dafür an dieser Stelle den Referentinnen und Referenten, die ihre Expertise eingebracht haben und bereit waren, mit uns während und nach den Impulsreferaten über zahlreiche res inexclusivae zu sprechen, namentlich Prof. Dr. Dr. Claus-Artur Scheier (TU Braunschweig), Jens-Christian Rabe (Süddeutsche Zeitung, München), Dr. Stine Marg (Institut für Demokratieforschung, Göttingen), Prof. Dr. Thomas Hecken (Universität Siegen), Dr. Ralf Stegner (MdL, Kiel), Prof. Dr. Stephan Opitz (CAU Kiel) und Prof. Dr. Claus-Michael Ort (CAU Kiel).
Das Inhaltsverzeichnis des Bandes mit allen Beiträgen finden Sie hier, die Einleitung können Sie hier lesen.