Florian Groth

Marktforscher bei Point Blank Research & Consultancy, Berlin


Point Blank ist eine Agentur für qualitative Marktforschung und Innovationsberatung mit rund 40 Mitarbeiter*innen. Wir führen Marktforschungsprojekte in den Bereichen Konsumentenforschung und Healthcare für große deutsche und internationale Kunden durch und beraten im Hinblick auf Marketingstrategie, Markenbildung, Marketingmaßnahmen und Kommunikation. Ebenso führen wir nutzerzentrierte und trendbasierte Innovationsprojekte durch. Angefangen bei Point Blank habe ich als Trainee im Team für Consumer Research unmittelbar nach meinem Studium in Kiel. Das war im Mai 2020, also ausgerechnet zu Beginn der Corona-Pandemie.

Mein Arbeitsalltag ist geprägt von der Vielfältigkeit der Tätigkeit. Jedes Projekt beginnt damit, dass ein Kunde mit einem Problem oder einer Frage an uns herantritt. Ich erarbeite dann ein individuelles Forschungsdesign und schreibe ein überzeugendes Angebot. Beauftragt uns der Kunde, schreibe ich einen Interviewleitfaden, führe die Feldforschung durch, analysiere die Ergebnisse, schreibe einen Bericht und präsentiere ihn beim Kunden. Häufig folgt darauf auch noch ein Workshop mit dem Kunden, in dem Umsetzungsstrategien erarbeitet werden, damit die Ergebnisse nicht einfach in der Schublade verschwinden. Handelt es sich um ein Projekt, das in mehreren Ländern durchgeführt wird, kommt auch noch die Supervision der Partner im Ausland dazu. Natürlich mache ich all das nicht allein, sondern immer in einem Projektteam. Wir arbeiten zumeist zu zweit an einem Projekt und haben zudem ein wunderbares Projektmanagement-Team, das uns bei der Projektkoordination unterstützt, und auch ein Design-Team, das uns gestalterisch zur Seite steht. Als qualitativer Marktforscher kann ich mich eines sehr breiten Methodenspektrumsbedienen, um Konsument*innen, ihre Einstellungen und ihr Handeln zu verstehen. Das Spektrum erstreckt sich von Sekundärforschung über Experteninterviews, Onlineforschung, Einzeltiefeninterviews, Dyaden, Triaden, Gruppendiskussionen, bis hin zu ethnographisch inspirierten Methoden wie Interviews bei den Konsument*innen zuhause oder Smartphone-Apps, über die die Studienteilnehmer*innen über einen bestimmten Zeitraum Aufgaben auf ihr Smartphone zugespielt bekommen und ihren Alltag dokumentieren. Auch inhaltlich bietet mein Job sehr viel Abwechslung, denn mit jedem neuen Projekt muss ich mich wieder in ein neues Thema einarbeiten. Im Bereich Konsumentenforschung können einem sämtliche Themen begegnen: von Auto und Eisenbahn über Streichfett und vegane Leberwurst, Bier und Schnaps, Video-Streaming und Banking bis hin zu Staubsauger und Waschmaschine.

Viel Zeit verbringe ich tatsächlich mit Meetings und Kunden-Calls, denn das Vorgehen wird inder Marktforschung anders als in der Wissenschaft in jedem Schritt sehr eng mit dem Auftraggeber abgestimmt. Vor allem aber die Feldarbeit und das Schreiben der Ergebnisberichte in PowerPoint nehmen viel Zeit in Anspruch. Und irgendwie gibt es im Büroalltag dann immer noch Kleinigkeiten, die anfallen oder plötzlich reinschneien. Vor der Pandemie ist man als Marktforscher*in sehr viel gereist. Man musste zur Feldarbeitstets in Marktforschungsstudios im ganzen Bundesgebiet fahren, um die Interviews dann in Anwesenheit der Kunden vor einem Einwegspiegel durchzuführen. Mittlerweile finden die meisten Interviews über Videotelefonie statt, deshalb freue ich mich immer, wenn ich mal Feldarbeit woanders habe. Vor allem gelegentliche Geschäftsreisen ins Ausland machen Spaß, wenn sich privat noch ein Wochenende dranhängen lässt. Was mir auch sehr gefällt, ist die Analysearbeit im Team. Wir arbeiten dann fast schon klischeemäßig mit bunten Post-Its an einer großen Wand, teilen unsere Wahrnehmung, deuten, analysieren, erzeugen Sinn. Und überhaupt: Teamwork macht – und das ist vielleicht ein Unterschied zur Uni – wirklich sehr viel Spaß, wenn man weiß, dass man sich auf die anderen verlassen kann.

Nach dem Abitur habe ich zunächst BWL studiert. Ich habe aber relativ schnell gemerkt, dass mir vieles an dem Fach nicht gefällt, denn eigentlich musste man die ganze Zeit nur irgendwelche Optimierungen rechnen. Und man musste Dinge berechnen, von denen ich fand, dass man sie kaum ernsthaft berechnen könnte, nämlich menschliche, „weiche“ Faktoren. Die ständige Annahme des homo oeconomicus war mir zuwider. Was mir gefiel, waren die Lehrveranstaltungen im Innovationsmanagement. Da ging es viel um die Frage, was eigentlich Kreativität ist, wie man sie fördert, und welchen Einfluss Kultur darauf nehmen kann. Die Definitionen und Antworten auf diese Themen waren in der BWL allerdings – mit Verlaub – sehr einfach und eher praxisbezogen. Über Umwege bin ich in dieser Zeit dann auf das Fach der Kulturwissenschaften gestoßen.

Während des Studiums habe ich bereits viel links und rechts geschaut. Ich habe zwar nicht viele Praktika gemacht, weil ich immer einen Hiwi-Job hatte und damit zufrieden und ausgelastet war. Ich habe aber immer gerne Vorträge und Tagungen besucht und keine Chance vertan, mich mit Menschen aus dem Fach über meine vage angestrebte berufliche Zukunft auszutauschen. Dieser Austausch hat mir viel gebracht und das Netzwerken hat mich mit Menschen zusammengebracht, die mir von ihrer eigenen Erfahrung in der Branche berichten konnten. Auf Point Blank wurde ich letztlich über die Mailingliste der Deutschen Gesellschaft für Empirische Kulturwissenschaft aufmerksam. Als dann zufällig zur selben Zeit, als meine Bewerbung anstand, noch jemand von Point Blank für einen Vortrag zur Berufsorientierung zu uns ans Institut für Europäische Ethnologie /Volkskunde kam, war meine Bewerbung so gut wie geschrieben

Was die formale Qualifikation angeht, ist die Branche sehr flexibel. Ein Abschluss in den Kulturwissenschaften, Soziologie, Psychologie oder Wirtschaftswissenschaften ist hilfreich. Manche Kolleg*innen haben einen Bachelorabschluss, andere eine Promotion. Höhere Bildungsabschlüsse sind jedoch kein Garant für beruflichen Erfolg, denn letztlichentscheidend ist die persönliche Leistung und Entwicklung. Gerade in kleineren Betrieben ist die Fähigkeit zum selbstständigen Arbeiten und Lernen wichtig. Analytisches Denken und bestenfalls erste praktische Erfahrung in der qualitativen Feldforschung sind relevant. Wissen über Marketing und Markenstrategien ist hilfreich, wird aber oft auch „on the job“ gelernt. Definitiv sollte man aber ein Interesse am aktuellen Zeitgeschehen mitbringen und einen halbwegs geraden Satz auf Englisch rausbringen können.

In der Regel steigt man als Trainee ein, äquivalent zu einem Volontariat in klassischen Kulturberufen. Für diese Stellen muss man nicht mit herausragendem beruflichem Erfolg prahlen, denn es ist ja meist der erste richtige Job nach dem Studium. Wichtiger ist es, zu vermitteln, dass man nicht auf den Kopf gefallen ist, dass man neugierig und motiviert ist, und dass man die Initiative ergreifen kann. Ich glaube, es ist wichtiger „auf Zack“ zu sein, als formelle Bildungsabschlüsse nachweisen zu können.

Manchmal freue ich mich ein bisschen, eine Arbeit gefunden zu haben, die so viel mit meinem Studium zu tun hat. Das ist, glaube ich, keine Selbstverständlichkeit in den Kulturwissenschaften. Die Methodenkompetenz, die man sich im Studium aneignet, kommt in der qualitativen Marktforschung wunderbar zur Anwendung. Und auch das allgemeine kulturelle Verständnis, die verschiedenen Perspektiven auf Alltagsphänomene und das Hineinversetzen in Feldakteure ist ein großes „Asset“. Mit meiner täglichen Arbeit helfe ich Marktteilnehmern, Informationen zu beschaffen, auf deren Grundlage sie strategische Entscheidungen treffen können. Ich helfe Unternehmen, ihre Kunden besser zu verstehen, damit sie ihre Marketingstrategien effizienter und effektiver gestalten können, also z.B. ihre Kunden genau an den richtigen Orten mit genau den richtigen Informationen zu versorgen. Ich unterstützte Unternehmen dabei, neue Produkte oder Dienstleistungen auf den Markt zu bringen, die nicht am Anwender vorbei entwickelt, sondern aus den Bedürfnissen der Anwender heraus konzipiert wurden. Letztlich geht es darum, zu beraten und Zukunft mitzugestalten. Und das ist eine tolle Aufgabe.